Von Ursula Poznanski habe ich schon einige Romane gelesen, nicht zuletzt natürlich Erebos. Richtig begeistert hat mich noch keiner von ihnen, aber das KI-Setting von Die Burg hat mich interessiert und so habe ich ihr nochmal eine Chance gegeben. Wurde ich enttäuscht?
Milliardär Nevio hat eine alte Burganlage renoviert und zu einem Multi-Escape-Room mit KI-Unterstützung umgewandelt. Das heißt, die Besucher sagen eingangs, was sie erleben wollen, und die Räume werden ihren Wünschen entsprechend umgestaltet, sodass jede Gruppe ihr individuelles Escape-Erlebnis bekommt. Vor der Eröffnung lädt Nevio einige handverlesene Gäste, darunter den Escape Room Betreiber Max Ascher, ein, um das Erlebnis zu testen. Doch was als spaßiges Erlebnis geplant ist, entwickelt sich zu einem Albtraum, als die KI sich selbständig macht.
Moment Mal, ein reicher Mann lässt eine besondere Freizeitattraktion von Fachleuten testen, bevor Besucher eingelassen werden? Das kennt man doch aus Jurassic Park von Michael Crichton. Ja, tatsächlich weist der Plot gewisse Parallelen auf, nur eben mit KI statt Dinos. Um nicht zu spoilern, will ich hier nicht ins Detail gehen.
Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht von Max, der einerseits von den Möglichkeiten fasziniert ist und andererseits seine Felle davonschwimmen sieht, denn wer wird noch seine eigenen popeligen Escape-Rooms besuchen, wenn diese High Tech Burg mal online ist? Als zweite Perspektivträgerin ist noch eine Mitarbeiterin aus dem Kontrollraum dabei. Dass mir ihr Name drei Tage nach Beenden des Buches schon entfallen ist, sagt viel über ihren seichten Charakter aus. Sie dient im Grunde nur dazu, die andere Seite zu beleuchten, die versucht, die Besucher zu befreien.
Ohnehin sind die Charaktere ein Schwachpunkt des Buches, denn sie sind alle recht schablonenhaft. Die Rätsel-Expertin, der grummelige Professor, der arrogante Milliardär, die tussige Influencerin, der C-Promi. Nur ein von ihnen paar bekommen im Verlauf noch etwas Tiefgang, bei vielen anderen bleibt es aber sehr oberflächlich.
Erhofft hatte ich mir nun eine Story wie in den Videospielen System Shock oder Portal: eine fiese KI, die den Besuchern nach dem Leben trachtet. Doch das Setting hat hier schon ein Problem: Die Macht der KI beschränkt sich darauf, die Besucher mit albtraumhaften Gestalten auf dem Bildschirmen zu terrorisieren, Türen nicht zu öffnen und die Temperatur zu beeinflussen. Wirklich gefährlich kann sie ihnen daher im Grunde nur psychisch werden. Die Autorin tut zwar ihr bestes, um diesen Psychoterror zu illustrieren und fährt dazu einige abgefahrene virtuelle Gestalten auf, aber mit der Zeit ermüdet das eher. Versuche dann auch noch Durst als Gefahr ins Spiel zu bringen (nach wenigen Stunden?) wirken da etwas bemüht.
Hinzu kommt, dass der Plot ohne diverse Deus Ex Machinas überhaupt nicht funktionieren würde. So entscheidet die Kontrollraum-Truppe viel zu lang, keine Hilfe zu holen, weil man den Arbeitgeber nicht verärgern will (wohl noch nie was von den Strafen für »Unterlassene Hilfeleistung« gehört?) und im richtigen Moment verschwindet dann ein Handy, ohne das jemals geklärt wird, wer es warum genommen hat. Die stark an den Haaren herbeigezogene Auflösung darüber, warum die KI hier wie agiert hat, trägt dann am Ende auch eher zum Kopfschütteln bei und wirkt arg bemüht.
In meinen Augen ist das hier ein routiniert erzählter Thriller, der die Hype-Themen KI und Escape-Room bespielt, ohne zu einem davon wirklich etwas Bemerkenswertes beizutragen. Vielen Thriller-Lesern wird es aber auf Dauer an Spannung fehlen und für SciFi Fans ist die KI-Prämisse zu dünn. Die Rätsel der Escape Rooms sind jetzt auch keine Granaten, die Rätselfans beglücken werden und für Jugendliche ist der Psychoterror dann vielleicht doch schon eine Spur zu viel.
