Robert Jackson Bennett ist mir schon durch „Die Stadt der tausend Treppen“ bekannt. Bereits dort überzeugte er mich mit einem einzigartigen, wenn auch etwas schwer zugänglichen Weltentwurf. Bei The Tainted Cup kommt nun auch noch eine komplexe Krimihandlung hinzu. Weiß das Ergebnis zu überzeugen?

The Tainted Cup
Robert Jackson Bennett
Urban Fantasy
erschienen 2025
415 Seiten
Zum Buch bei Amazon
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Immer wenn die Regenzeit anbricht, erheben sich gigantische Titanen vom Meeresgrund, steigen an Land und drohen es zu verwüsten. Seit jeher ist das Imperium von Khanum mit dieser Bedrohung konfrontiert und so ist die Gesellschaft nahezu komplett darauf ausgerichtet, die Titanen abzuwehren. Gigantische Mauern wurden errichtet, aber auch Plantate entwickelt, mit denen sich die Menschen zu Spezialisten, sogenannten „Vollendeten“ entwickeln, deren einzigartige Fähigkeiten dazu beitragen, das Imperium am Leben zu erhalten.
Der Ich-Erzähler Dinios Kol ist so ein Vollendeter. Als Gravierer kann er sich alles ganz genau einprägen und später wiedergeben, ohne auch nur das kleinste Detail zu vergessen. Somit ist er der perfekte Gehilfe für die Ermittlerin Ana Dolabra, die zwar über außergewöhnliche Deduktionsfähigkeiten verfügt, aber kaum Sinneseindrücke verträgt und deshalb selten ihr Haus verlässt und selbstt dort meist eine Augenbinde trägt.
An ihrer Stelle besichtigt Din den Schauplatz eines grausamen Mordes. Ein hoher Offizier der Ingenieurskaste, zuständig für den Bau der Mauern und die Abwehrkanonen gegen die Titanen, wurde in der Villa einer adligen Famile mit den Sporen einer seltenen, rasend schnell wachsenden Pflanze vergiftet, die in ihm Wurzeln schlug und ihn von innen heraus zerrissen hat. Was steckt dahinter? Rache oder gar ein Komplott? Es entspinnt sich ein packender Verschwörungsplot mit weiteren Todesopfern, der das ganze Imperium ins Wanken zu bringen droht.
Einfach macht es Bennett dem Leser auch diesmal nicht, in seiner Welt Fuß zu fassen. Seine auf einer Art Gentechnik basierende Schöpfung ist voller teils kryptischer Begriffe wie „Iudex“ oder „Iyalet“, selbst die Ränge der Offiziere haben eigene, an das römische Reich erinnernde Namen wie Caput, Signum oder Princeps. Auch die Namen der Figuren sind nicht immer griffig. Aber Dins besondere Fähigkeit und Anas schrullige Art schlugen mich schnell in ihren Bann. So komplex die Welt auch sein mag, der Autor erklärt sie gut, vermeidet Info-Dumps und lockert alles immer wieder mit humorvollen Dialogen auf.
Das Ermittler-Duo Din/Ana kann man zweifelsfrei als eines der Ungewöhnlichsten bezeichnen, dass es in einem Fantasy-Roman je gegeben hat, nicht nur wegen ihrer Fähigkeiten, sondern auch wegen ihres Umgangs miteinander und ihrer besonderen Charakterzüge. So mag Ana mit ihren messerscharfen Schlussfolgerungen zwar an Sherlock Holmes erinnern, ihre oft derbe Ausdrucksweise und das ständige Haifischgrinsen passen aber so gar nicht zum Vorbild.
Und auch wenn die Krimi-Handlung im Kern den Genre-Vorgaben folgt, Hinweise geschickt platziert werden, Ana mit ihren Schlussfolgerungen brilliert und das Rätsel um die Morde Stück für Stück aufgeklärt wird, dürften selbst erfahrene Krimi-Leser aufgrund des außergewöhnlichen Setttings Schwierigkeiten haben, genau vorherzusehen, wer hier wen warum umgebracht hat.
Mir hat das Buch jedenfalls viel Spaß gemacht und das obwohl ich auf Weltenbau normalerweise eher wenig Wert lege und mir Charaktere und Plot wichtiger sind. Hier bekommt man in gleich allen drei Kategorien etwas Außergewöhnliches geboten. Deshalb lege ich jedem, der sich für Fantasy-Krimis erwärmen kann, The Tainted Cup ans Herz – und freue mich selbst auf den zweiten Fall des Duos, A Drop of Corruption (Affiliate Link) der bereits erschienen ist.