Mein erster Versuch, mich mit dem Genre der LitRPG anzufreunden, lief nicht besonders gut. Aber nachdem ich auf den Hype um die Dungeon Crawler Carl Serie aufmerksam geworden war, die sich mittlerweile Millionenfach verkauft hat, wollte ich der Sache noch einmal eine Chance geben. Nach dem, was ich vorab so darüber gelesen hatte, hoffte ich auf einen selbstironischen Ansatz mit viel Humor. Spoiler: Ich wurde enttäuscht!
Um diese Kritik einzusortieren, sollte ich zwei Dinge vorab klarstellen:
1. Ich kann mit dem Genre LitRPG per se nicht viel anfangen. Die Idee, einer Spielfigur in einem Computerspiel zu folgen finde ich dabei interessant, aber ständig irgendwelche Statistiken zu lesen und zuzugucken, wie die Charaktere Zeugs in ihrem Inventar sammeln und hochleveln, interessiert mich wenig.
2. Die Art Computerspiele, die den meisten LitRPGs zugrunde liegen, habe ich nie gemocht. Ich habe keinen Sammeltrieb, rumlaufen, Monster töten, Zeugs looten, hochleveln, mehr Monster töten, noch mehr Zeug looten, bis man dann irgendwann ständig sein Inventar aufräumen muss, weil man nicht mehr alles tragen kann (was ungefähr so viel Spaß macht wie das »normale« Aufräumen), dazu hirnlose »Quests« wie »Töte 4 Orks«, »Angle 5 Fische«, »Sammle 8 Pflanzen«. Nee, vielen Dank auch, aber das hat für mich den Charme einer Arbeits-Beschaffungsmaßnahme.
Wenn Rollenspiel, dann bitte mit viel Story, wenig sinnlosem Open World Rumgelatsche und bloß nicht mit Crafting, wo man dann neben Gegenständen auch noch tausende Zutaten sammeln muss, was alles nur noch schlimmer macht.
Das ist meine persönliche Meinung und das kann natürlich jeder für sich anders empfinden. Der Erfolg von Diablo, World of WarCraft und wie sie alle heißen zeigt ja, dass sehr viele es offensichtlich anders sehen als ich. 🙂
Nun aber zu DCC: Der Plot ist schnell erklärt. Außerirdische machen die Erde platt, alle Menschen, die sich in geschlossenen Räumen befanden, sind sofort tot. Die übrigen werden in ein Dungeon gebracht, wo sie zur Unterhaltung der intergalaktischen Zuschauer um ihr Leben kämpfen. Das Dungeon ist in mehrere Level unterteilt, die mit zunehmend stärker werdenden Monstern wie Goblins, Kobolden & Co bevölkert sind und nach einigen Tagen zusammenbrechen. Vorher müssen die Spieler eine Treppe zum nächsten Level finden.
Hauptfigur Carl war zufällig draußen um die Katze seiner Freundin einzufangen, als die Welt unterging und findet sich nun mit dem Tier im Dungeon wieder – in Boxershorts. Dort wird der Katze – Prinzessin Donut – das Talent gegeben zu sprechen.
Danach kämpfen die beiden sich durch die Level, machen gewöhnliche Monster und Bossgegner platt, sammeln Zeugs, treten in TV-Shows auf, leveln hoch und erreichen Dungeon-Level 3. Da geht es dann im nächsten Band weiter. So weit, so generisch.
Rollenspiele und LitRPG bieten aber eine Menge Potential für Humor. Ich bin ein Fan von Viva La Dirt League, die einige wirklich urkomische Sketche gemacht haben, die den Unsinn von Game-Mechanismen und Spieler-Verhalten gekonnt auf die Schippe nehmen und mich immer wieder schallend lachen lassen. Etwas in der Art hatte ich mir von DCC erhofft, aber der Humor hier erscheint mir vergleichsweise wirklich dünn. Ein paar Schmunzler hier und da bei den zynischen Item-Beschreibungen, ab und an mal ein Lacher für das HickHack zwischen Carl und Donut, aber das war’s. Für 500 Seiten ist mir das zu wenig.
Der Weltenbau ist – zumindest in diesem ersten Teil – maximal generisch. Gänge, Räume, Monster, das war’s. Was dahintersteht, warum es diese Dungeons gibt usw wird allenfalls angerissen (und ergibt für mich bis hierher wenig Sinn). Die ständigen Info-Dumps, wo Carl und Donut (und damit auch uns) wieder etwas erklärt wird, sind anstrengend und erzeugen für mich keine lebendige Welt. Bemerkenswert sind allenfalls die ziemlich abgedrehten Gegenstände und Achievements, aber auch das nutzt sich mit der Zeit ab.
Die Charaktere sind die größte Enttäuschung. Dass Carl zu Beginn seine ganze Familie, Freunde, Arbeitskollegen verliert, ist ihm allenfalls mal zwischendurch einen kurzen Gedanken wert. Er interessiert sich mehr für die Mechanismen des Dungeons und dabei erweist er sich oft als cleverer MacGyver, der Hilfsmittel baut, um Bosse plattzumachen oder anderen Tipps gibt – ohne, dass er jetzt den Hintergrund dafür hätte. Nur zwischendurch denkt er mal über die Schicksale der anderen Menschen nach, was bei ihm aber vor allem Widerstand erzeugt.
Donut hätte ein wirklich spannender Charakter sein können, ist aber in diesem ersten Teil auch eher dünn. Ihr Katzen-Verhalten ist zu Beginn noch recht witzig, aber das verliert sich für mich dann in den vielen Wiederholungen.
Alle anderen Charaktere sind blasse Abziehbilder. Der Erklärbär (anfangs eine Ratte), die zwielichtige Show-Masterin, die Hilflosen und ihre selbstlosen Beschützer, die skrupellosen Spieler-Killer. Sie alle haben viel zu wenig Page-Time, um wirklich Ecken und Kanten zu entwickeln und wirken überwiegend austauschbar.
Für mich hat DCC somit einen platten Plot, zu wenig Humor, schwache Charaktere, oft holprige Dialoge und eine repetitive Metzeln-Looten-Hochleveln-Story mit bestenfalls Andeutungen von Tiefgang. Das ist meilenweit von einem Tribute von Panem, Running Man oder Ready Player One entfernt. Das mag den Vorteil haben, dass man es gedankenlos nebenher weglesen bzw -hören kann, weil höchst selten etwas passiert, das wirklich von Belang ist. Wer so etwas sucht, ist hier sicher nicht falsch, aber das ist nicht mein Anspruch an ein Buch. Ich möchte in eine Welt eintauchen, mitfiebern, Charaktere lieben oder hassen und um ihr Leben bangen – nichts davon bietet mir DCC, denn da es ja schon sieben weitere Bände gibt, ist klar, dass Carl und Donut schon nichts passieren wird. Um das auszugleichen, hatte ich auch nicht genug zu lachen, aber über Humor lässt sich ja nicht streiten.
Langer Rede kurzer Sinn: Für mich war DCC nichts und ich werde die Folgebände nicht lesen.
